Auf der Hauptstraße geht es am frühen Morgen schon besser. Doch auch dann ist es kein Vergnügen. Nach ein paar Kilometern geht ein steiler Kiesweg runter auf den Fahrradweg, dieser sieht recht gut aus, asphaltiert, und führt direkt am Fluß entlang. Ich verusche langsam neben dem Rad hergehend abwärts zu bremsen, der überrollt mich fast! BREMSEN! DAGEGEN STEMMEN! Der Schweiß läuft an mir herab. Zentimeter um Zentimeter geht es abwärts. Mit aller Kraft verhindere ich Schlimmeres. Unten, kaum fünfzehn Meter von uns entfernt fahren einige Radler an uns vorbei. Ich rufe, keine Reaktion.
Ich überlege schon was passiert wenn ich den Wagen loslasse, ob er sich links oder rechts des Weges in die Erde bohrt, ob er nach unten rast und das Geländer durch-, bzw. einen der ignoranten Radler erschlägt? - Keine wirkliche Option! - Also weiter Zentimeter um Zentimeter abwärts kämpfen. Mit ganzem Gewicht gegen den Wagen, die Bremsen jeweils nur ganz leicht lockern um halbwegs kontrolliert weiter zu rutschen. - Endlich eine Gruppe Radler hält an. Sehr lustige Leute, sind schwups oben, machen Spässchen und helfen dabei. - So geht es auf dem Radeleg am Fluss weiter.
Kurz darauf erscheint auch schon Castellbelllo. Zwei Augsburger machen ein Foto und Kurzfilm von uns, ich ein Foto von ihnen. Sie wollen an den Gardasee, eventuell noch weiter. Unser Projekt finden sie nicht uninteressant, einer hakt besonders nach. Er macht bald "was psychologisches mit Kids" - "Die schicke ich mal nach Sizilien." - "Klar, kannst gern mitkommen." Meine ich.
Etwa gegen dreizehn Uhr, die Sonne brennt herab, gelangen wir an eine Wasserschleuse. Dort verpasse ich den Radweg und komme auf die Hauptstraße. Wieder ein Tunnel! - Zum Glück sehe ich gerade noch (geht abwärts und bei der Hitze und dem Wagen ist Konzentration gefragt) einen Weg seitlich, also anhalten und etwas zurückschieben, da der Weg mit Planken seitlich geschützt ist. Der Weg stellt sich als die alte Straße heraus, ehe die zwei Tunnels gebaut wurden. Zum Teill noch gute Straße, zum Teil durch Tunnelbaugeräte ganz schön aufgerauht, doch wir haben ihn ganz für uns allein.
Doch dann müssen wir wieder auf die Hauptstraße, bei dem Verkehr nicht ungefährlich. Zum Glück sind alle hinter uns aufmerksam, zudem fahre ich so weit am Rand wie irgend möglich. Auf halben Weg abwärts an einer Seitenauffahrt halten um die Bremsen, bzw. Felgen abkühlen zu lassen. Dann gehts weiter durch eine schöne Stadt mit mittelalterlichen Häusern, wieder auf den Fahrradweg am Fluss.
Vorbei an einer Gruppe Kids mit Betreuern und Schwimmwesten neben einem Schlauchboot. "Passen wir auch noch drauf?" - "Ne, höchstens der Hund noch." -- "Schade, selbe Richtung. - Schöne Fahrt." - "Gleichfalls." Später paddeln sie an mir vorbei, dann fahre ich wieder an ihnen vorüber - wir winken uns zu.
In einer größeren Stadt esse ich in einem Caffe. (Namen werden nachgereicht.) - 500 Meter weiter halte ich bereits wieder an einem noch kleineren Caffe. Es ist so brutal heiß, das meine zuvor benetzten Fahrradklamotten bereits wieder trocken an der Haut kleben. Also erneut erfrischen, erneut Phönix zu trinken geben, eine nette Familie sitzt vor dem Caffe, der Mann läd mich auf einen Caffé ein, die Mutter seiner Frau verschwindet kurz und kommt mit einer Alufolie und einer Plastiktüte zurück. "In der Alufolie sind zwei Schinkensemmeln, in der Tüte Marillen." meint sie. Als ich noch unsere Wasservorräte auffülle gibt der Chef des Caffés Eiswürfel hinzu. - So kann es weitergehen!
Weiter bis nach Bolzano. Kurz hinter Bolzano pausiere ich auf einer Busbank. Es ist 20 Uhr. 62 Kilometer habe ich geschafft - oder haben mich geschafft. Ein Schinkensandwich für mich, eines für Phönix. Etwas Wasser mit Mineralien versetzt für mich und eine Schüssel für meinen treuen Begleiter.
Wir wollen gerade weiter, da hält ein Streifenwagen neben uns. Zwei Carabinieris springen heraus. "Documenti!" meint einer unwirsch. Ich reiche sie ihm. Er verschwindet im Wagen, der andere behällt mich und Phönix mistrauisch im Auge. Als sein Kollege aus dem Wagen aussteigt dreht die Stimmung. Sie sind neugierig auf den Wagen und meine Ausrüstung, erklären wie es wieder zum Radweg geht (schon wieder einen Anschluss verpasst) und wünschen noch eine gute Reise. "Wenn etwas ist einfach 112 wählen." meint der eine noch.
Es geht weiter, wir schaffen noch die 70 Kilometer!
...Oder auch nicht.
Der Fahrradweg, welchen die Carabinieris (die ersten echten italienischen) empfahlen führte steil den Berg hoch durch einen Tunnel, in welchem es angenehm kühl war, trotz der Uhrzeit (gegen 21 Uhr) war es noch sehr schwül. Ich wünschte mir einen Tunnel von hier nach Sizilien. Weiter hoch, - Pause - hoch - Pause - schieben - Pause - schieben - Pause. Schließlich kommen wir oben an einer Villa vorbei. Da wir nur noch einen halben Liter Wasser haben, - den ich auf einen Zug hätte trinken können - für zwei und abendliche Katzenwäsche sowie einer kleinen Notration für den nächsten Morgen ZU WENIG, klingelte ich.
Nichts geschieht. Ich klingelte noch einmal, da oben ein Fenster offen stand und Licht brannte. "Ja?" - "Hallo, könnte ich vielleicht etwas Wasser..." weiter komme ich nicht, da summt bereits der Türöffner. Ich betrete den Garten. Eine sympathische Dame nimmt meine Wasserflaschen entgegen, dann möchte sie wissen was es mit dem Wagen auf sich hat. Ihr Mann und zwei Kinder gesellen sich hinzu. Alle sind fasziniert. Der Mann des Hauses bietet mir an die Pooldusche zu nutzen. Ich nehme das Angebot gerne an. - Zeit wirds!
Dabei nutze ich gleich die Gelegenheit und wasche schnell die Klamotten welche ich mehrere Tage getragen hatte kurz durch. (Zwar stets am Tage wieder und wieder Wasser über mich und die Radkleidung geschüttet und in der Nacht die Kleidung zum Auslüften und für die "Tau-Wäsche" über das Fahrrad gehängt, doch ein wenig Schweiß und vor allem Staub bleibt doch.)
Nach der Dusche fühle ich mich wie ein neuer Mensch. Vorher durch die lange Tour und Tortour den Berg hinauf so erhitzt das es eine Weile benötigte bis das kalte Wasser meinen Körper kühlte. Ich genieße noch eine kleine Weisweinschorle während der Hausherr mir erklärt wie ich mir einiges an Steigung am nächsten Tag und die Tage darauf erspare - und zugleich schneller nach Ostiglia komme. (Dort wollte ich die Via Claudia Augusta verlassen, im Endeffekt bin ich noch etwas früher, bei Bussolengo runter.) "In Trento bist du morgen abend, wenn du gut fährst." Er empfiehlt zudem den Weg links den Stiefel hinunter dann auf der Hähe von Calabrien nach rechts. Dann verabschieden wir uns. Ich schlafe direkt vor der Villa. Es ist erdrückend schwül! Ich versprühe etwas von dem Bio-Insektenmittel (Niemöl) und öffne den Wagen, damit man es aushalten kann.






