Achter Tag in Freiheit, oder erster Tag in Österreich.
Um Sechs Uhr klingelt der Wecker, Sechs Uhr fünfzehn kann ich mich von meinem Nachtlager erheben, Sechs Uhr dreißig gehts auf, Bergauf. Noch ist es frisch, so in kurzer Radelhose, doch das wird sich bald geben.
Nach vierzig Höhenmeter gelange ich nach Reutte. In einer Bäckerei erhalte ich von einer freundlichen Bäckerin drei süße Spezialitäten des Landes. Eines nennt sich "Lintzer Auge" die anderen beiden kann ich leider nicht mehr benennen. Nur bekunden das sie gut mundeten. Und Kraft gaben. Phönix bekam noch eine volle Wasserschüssel und weiter gings.
Nach zwei Stunden schieben auf enger und stark befahrener Straße halten zwei Rennradler vor mir, ich nutze das Gespräch für eine kurze Pause, zwei Polizeibeamte gesellen sich in die nette Runde. "Es gehen mehr und mehr Anrufe von besorgten Autofahrern bei uns ein bezüglich des Anhängers." meint der männliche Staatsdiener. "Bei dem Verkehr hier ist das auch nicht ungefährlich!" - "Ja, ich hatte mir die 'Via Claudia Augusta auch anders vorgestellt." entgegne ich seufzend. "Hätte ich den Zustand hier gekannt, ich glaube ich hätte die Tour nicht gestartet." - "Hmm." meint der Beamte. Seine Kollegin mustert derweil meinen Anhänger. "Ich wäre ja dafür das dieser Streckenabschnitt für Autofahrer gesperrt wird." meint einer der Rennradler mit einem Augenzwinkern. "Hier ist es immer schrecklich. ...Aber wenn er ganz am Rande schiebt wird es schon gehn." - "Ja, verboten ist es ja nicht." meint der Polizeibeamte. Ich atme etwas auf. "Ist eben nur nicht ungefährlich. Gerade heute wo so viel los ist." Dann wendet er sich an seine Kollegin. "Hier gibts auch keine bessere Strecke für ihn, nicht?" - "Nein." - "Wenn Sie einen großen Anhänger haben..." meine ich spaßeshalber. "Leider nicht." - Dann sagt er noch etwas zur kommenden Strecke und wünscht mir eine gute Fahrt.
Es geht noch einmal ein längeres Stück schiebend aufwärts. Dann abwärts in eine kleine Ortschaft. Hätte Lust auf eine Pause im Schatten, doch dafür ist es noch etwas zu früh, sonst bleibe ich gleich wieder hängen. Also noch ein Stück weiter zumindest größtenteils auf ebener Strecke. Doch mit Hund im Wagen auch nicht gerade ein Vergnügen - bei gefühlten 50 Grad unter der sengenden Sonne. Kilometerweit kein Schatten. Drei Mal eine kleine Pause am Straßenrand. Ein wenig Wasser über Kopf und erhitzten Körper sowie auf den trockenen Gaumen. Kurz ausschnaufen, weiter gehts.
Kurz vor zwölf und noch kürzer vor dem Umkippen ein Schild: "300 Meter bis zum Lift." Zudem die internationalen Zeichen für Essen und Trinken. Das gibt wieder Kraft. So komme ich sogar noch einen kleinen Hügel hoch. Dahinter die Abzweigung zum Lift. Es geht steil bergab - zu steil, da wieder hoch, nein danke!" - Also noch ein Stück weiter. Die Sonne brennt, die Luft flimmert. Der Hund jammert. Wobei er im Wagen größtenteils von der Sonne abgeschirmt ist. "Ruhe! - Ich strampel dich hier durch die Gegend und du jammerst, da läuft doch was verkehrt!" Hätte gut Lust mich in den Wagen zu legen und Phönix vorne anzuhängen, doch einmal war es ja nicht seine Idee über die Alpen mit einem Fahrradwohnwagen zu radeln und zum Zweiten ist endlich eine kleine Wirtschaft in Sichtweite. Das "Almkopfstüberl" ist meine Rettung. Oder unsere. Der Wirt frägt mich was ich möchte, ich muss mich erst kurz setzen, während seine Frau eine Schüssel mit Wasser auf den Boden stellt, doch Phönix muss sich erst kurz hinlegen. ...Dann finde ich die Worte, erkläre was es mit dem Fahrradanhänger auf sich hat und frage ob ich etwas zu trinken bekommen könnte. Ich erhalte ein erfrischend kühles Radler und ein leckeres Wiener-Schnitzel mit Pommes und Salat. Im Anschluss kommt die sympatische blonde Wirtin an den Tisch und fragt: "Noch einen Kaffe? Oder Espresso?" - "Gerne noch einen Espresso."
Hinter mir höre ich wie drei beleibte Damen jeweils ihr bestelltes Essen untereinander loben. Dem Koch sagt man ja gern was nettes, sofern es nicht furchtbar schmeckt, doch untereinander ist so eine positive Kritik ungemein ehrlicher. Und die Damen sehen so aus als wüssten sie gut zu speisen.
Das Essen also gut, der Ausblick herrlich, auf einen besonders hohen Berg mit kleinem Wasserfall, Wirt und Wirtin sehr sympatisch und hilfsbereit, ja sie lassen mich sogar im Internet surfen, meine Mails abarbeiten und mein Abenteuer-Tagebuch führen - ja was will man mehr? Außer vielleicht Meer. Oder ein kühler See, doch man kann ja nicht alles haben. Und wenn ich fleißig weiter radel komme ich noch an beides. Jetzt erst mal noch ein kühles Wasser, während Phönix seine zweite Mahlzeit genießt. - 15:22 Uhr. Vor 16 Uhr ist an Aufbruch ohnehin nicht zu denken. Dafür werde ich bis 22 Uhr radeln, und morgen noch früher aufstehen.
Übrigens zeigt der Tacho 199 zurückgelegte Kilometer an. Glaubt man meinem Computer sind es noch etwa 1600 bis nach Tindari.
Es ging noch ein wenig bergauf, dann länger bergab bis zu einem größeren Bauchlauf den Phönix fast trockengelegt hätte. Ob es an den Litern Mehrgewicht in seinem Bauch lag das ich etwas weiter anhalten musste da die Felgen sich vom Bremsen so stark erhitzt hatten? :-)
Schließlich kam ich in ein Tal mit einer wahrlich fantastischen, ja bombastischen Aussicht! (Fotos & Videomaterial folgen) Rings um mich herum Berge, der Rad- & Wanderweg führte zwischen grünen Feldern und netten kleinen Hütten vorbei. Bis nach Bieberach schaffte ich es, dann holte der Hunger mich ein.
Kurz zuvor hatte mir ein netter Spaziergänger den "Löwen" in Bieberach empfohlen. "Der Löwe, das passt, sind wir doch auch zwei." meinte ich. Er wies mir den Weg, so konnte ich die letzten 10 % des Navis aufsparen. Zudem erwähnte er noch er hätte mich schon am Morgen gesehen wie ich den Berg hoch sei wäre er mit dem Auto an mir vorbeigefahren. Von meinem Anhänger war er begeistert.
Im Löwen herrschte Hochbetrieb. Zwei Feiern und viele weitere Gäste. So musste ich eine Weile auf mein Essen warten. Doch das Essen war dafür sehr gut. Die Wartezeit konnte ich auch mit zwei Radler und netten Gesprächen gut überbrücken. Immer wieder kamen Leute und staunten über den Wagen. Viele machten Fotos. Alle waren begeistert und wünschten mir viel Glück für die Reise.
Um Mitternacht baute ich hinter der Kirche den Wagen auf und schlief sogleich ein. - Das heißt zuvor versprühte ich noch eine Prise Neemwasser gegen Ungeziefer im Wagen.






